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Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott? (Hi 4,17)
(Andacht zum Monatsspruch für Oktober 2011)
Liebe Leserin, lieber Leser!
Die Frage ist klar und wichtig – aber wie lautet die Antwort? Wird sie offen gelassen? Nein, wird sie nicht! Unser Monatsspruch formuliert nämlich nur scheinbar eine Frage. Der Fragensteller weiß die Antwort schon, und sie lautet: Kein Mensch kann vor Gott gerecht sein! Wir alle stehen nicht rein und schuldlos vor dem richtenden Gott! Das ist die Behauptung, mit der uns unser Bibelwort konfrontiert. – Aber ist das nicht allzu simple Schwarz-Weiß-Malerei? Wird der Mensch hier nicht unnötig schlecht gemacht? Viele Menschen, auch viele Christen, reagieren ablehnend, wenn man ihnen erklärt, dass kein Mensch vor Gott im Recht ist. Ein solches Pauschalurteil ist schwer zu akzeptieren.
Und beweist nicht sogar der Kontext des Monatsspruchs, dass die Behauptung falsch ist? Die Scheinfrage stammt ja von Elifas, einem der Freunde Hiobs. Die Freunde versuchen Hiob zu erklären, dass sein unerträglich großes Unglück und Leid letztlich in seiner eigenen Sünde und Ungerechtigkeit vor Gott begründet liegt. Aber das ganze Hiobbuch ist geschrieben, um diese Behauptung zu widerlegen. Wenn also die Freunde zu Hiob sagen: Dir geht es schlecht, weil Du schlecht bist, dann haben sie Unrecht. Aber ist es darum auch verkehrt, dass kein Mensch vor Gott gerecht sein kann?
Mit dieser Aussage wird jedenfalls eine Diagnose über die Menschheit insgesamt gestellt, die mit einzelnen moralischen Fehltritten oder Charakterschwächen nichts zu tun hat. Wenn alle Menschen vor Gott schuldig sind, dann sind es eben auch die Freunde Hiobs, die meinen, der schwer Leidende habe sein Leid selbst verursacht, dann sind es aber auch diejenigen, die sich über religiöse Heuchler empören und sich selbst als im wesentlichen anständig ansehen. Wenn Gott auf unser Denken und Handeln blickt, dann werden die moralischen Unterschiede zwischen uns belanglos, weil wir alle auf der verkehrten Seite stehen. Wir alle lieben uns selbst mehr als Gott und versuchen uns gegenüber Gott selbst zu behaupten.
Das ist die Diagnose. Und wie lautet das Therapieangebot der Heiligen Schrift? Es lautet: Vertraue auf das, was Jesus Christus für Dich getan hat! Es war eine Schlüsselerkenntnis Martin Luthers, dass alle Menschen Sünder sind und vor Gottes Gericht nicht bestehen können – es sei denn, sie vertrauen auf die Gnade Gottes in Jesus Christus. Ein Mensch kann nur dann vor Gott gerecht sein, wenn Gott ihn um Christi willen gerecht macht. Am 31. Oktober werden wir das Reformationsfest feiern und an diese Erkenntnis erinnert werden. Unnötig ist die Erinnerung nicht.
Bleiben Sie behütet.
Ihr Pastor J. Nagel
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